Nachbarschaft und überall Kinder

Die Nachbarschaft

Irgendwo in einer ivorianischen Kleinstadt in einer kleinen unbefestigten Straße wo irgendwie immer Wasser steht und inzwischen überall Frösche quaken… umgeben von einem großen ummauerten Garten, einem Sägewerk wo gefühlt nur bei Stromausfall Pause gemacht wird und einer Schweißwerkstatt wo nur jeder dritte eine Schweißerbrille hat… ist ein kleiner Wohnkomplex mit sechs Parteien – Da wohne ich.

Zur Nachbarschaft muss man allerdings eigentlich auch den Wohnkomplex auf der anderen Straßenseite zählen, vor allem weil die unendlich vielen Kinder irgendwie zu einer Verschmelzung führen. Ich weiß nie so richtig wo wer hingehört aber sie sind überall.

Offene hilfsbereite Menschen überall

Ob Fischhändler, Medikamentenvertreter, Pestizidverkäufer, Philosophielehrer, Wissenschaftler, Sekretärin oder Schneiderin – die Nachbarschaft ist divers. Wer zu Hause ist lässt die Tür offen, immer bereit ein bisschen zu quatschen. Mal wird hier ein Bier ausgegeben, Mahlzeiten geteilt und Lebensmittel getauscht.

Als ich ein paar Tage Magenprobleme hatte und die Nachbarn das mitbekommen hatten wurde ich quasi rundum versorgt. Ich wurde bekocht, soweit ich was essen konnte. Es wurde für mich eingekauft ohne, dass ich auch nur einen davon überzeugen konnte mich wenigstens den Einkauf bezahlen zu lassen. Als ich mir ein Medikament besorgt hatte wurde das inspiziert und rumtelefoniert was ich zu beachten habe. Und überaus regelmäßig wurde geguckt und angerufen um zu fragen wie es mir geht.

Offensichtlich, an wen ich die ganzen Avocados und Orangen verteilt habe, die ich von den Dörfern mitgebracht habe :-).

Kinder überall

Die kleinen Kinder freuen sich immer am meisten, wenn ich morgens loslaufe oder abends wiederkomme. Mal werde ich einfach nur total stürmisch umarmt – und dann muss auch nach der Reihe jedes einzelne der grade anwesenden Kinder umarmt werden. Oft aber höre ich von irgendwo ein Rufen und sehe dann eine Kinderschaar die mir zuwinkt, mal aus einem Mangobaum, mal alle versammelt hinter einer Hausecke.

Kinderbesuch

Nach einer anfänglichen Angst kommt enorm schnell die Neugierde bei den Nachbarskindern. Manche wollen einfach nur mal meine Hand anfassen oder noch besser meine komischen Haare. Aber wenn dann eine Schaar Kinder gucken will wie dein Zimmer aussieht bekommt man es schon mit der Angst zu tun, dass sie dir das innerhalb von Sekunden auseinander nehmen. Wo ich mich am Anfang noch erfolgreicher wehren konnte sind mir dann an einem Tag drei neugierige Kiddies mit in die Hoftür geschlüpft. Drei geht ja grade noch hab ich mir da noch gedacht und hab ihnen also gezeigt wie und wo ich wohne.

Ich hatte die drei komplett unterschätzt, sobald die Tür auf war sind die reingestürmt wie nichts Gutes. Ein Glück habe ich darauf bestanden, dass die Schuhe ausgezogen werden bevor ich die Tür aufschließe…

Nachbarkinder im Moskitozelt
Nachbarkinder im Moskitozelt

Während eins auf der Matratze rumsprang und ein anderes in meinem Gepäck wühlte musste ich verhindern, dass von dem dritten im Bunde mein Moskitozelt auseinander gerissen wird.

Nach den ersten verzweifelten Überlegungen, wie ich die denn wieder loswerde, hatte sich ihre Aufmerksamkeit von Allen drei glücklicherweise auf das Moskitozelt konzentriert. Das kann man per Reißverschluss aufmachen und reinschlüpfen – das war natürlich spannend da drin zu hocken, vor allem wenn dann noch eine Taschenlampe da drin liegt.

Nachbarkind - Spass mit Spiegel und Kamm
Nachbarkind – Spass mit Spiegel und Kamm

Da ich keine Regale oder ein Kleiderschrank habe liegt bei mir so einiges halbwegs sortiert auf dem Boden. Eine Goldgrube für neugierige Kinder, die blitzschnell die interessantesten Dinge ausbuddeln – wie zum Beispiel ein Kamm und ein Spiegel. Grade wenn man denkt eine Sache wieder sicher verstaut zu haben, wird genau das wieder rausgekramt sobald man sich umdreht um irgendwo anders Schaden zu begrenzen. Respekt an alle Eltern mit nem Haufen kleiner Kinder zu Hause.

Und wie wird man die Kiddies dann wieder los???
Das war an dem Tag irgendwie überraschend einfach. Nachdem alles durchwühlt war und alle zig Mal das Moskitozelt ausprobiert hatten wurde es einfach so akzeptiert, als ich mit meiner faulen Ausrede meinte, dass ich jetzt noch wo anders hin muss und sie nach Hause gehen müssen.

Das nächste Mal überlege ich mir das trotzdem sehr gut…

Unerzogene Kiddies

Klar Kindererziehung funktioniert hier anders, aber wie ich finde auch nicht besonders erfolgreich. Das hatte ich schon in den ersten paar Tagen geahnt als eine Mutter am Obststand ihrem kleinen Kind für eine Kleinigkeit eine klatschte und dann lachend zu mir meinte, dass wir das in Europa ja nicht so machen. Vielleicht stand mir mein Erstaunen ins Gesicht geschrieben oder aber ihr hatte mal jemand erzählt, dass wir die Kindererziehung nicht mehr unbedingt mit Schläge auf den Hinterkopf handhaben…
Komplett verzweifelt über die Erziehung war ich aber erst nachdem ich von einem zuerst harmlos erscheinenden Kind gebissen wurde.

An dem Abend habe ich zufällig einen Arbeitskollegen mit Frau und den zwei Kindern im Restaurant getroffen und mich spontan dazugesetzt. Vielleicht hatte die kleine Tochter auch einfach Hunger, es war ja noch schließlich vor dem Essen… nach anfänglicher Angst hat sie jedenfalls meine Hand genommen, während ich mit ihrem Papa gequatscht habe. Als sie dann anfing an meinem Arm zu nagen war ich dann schon etwas erstaunt. Nach dem ersten Hinweis, dass das wehtut war es dann auch gut… dachte ich zumindest. Als sie dann später auch wieder sich neben uns stellte hab ich mir nicht mehr viel dabei gedacht und mich weiter mit dem Papa unterhalten. Nach einem kurzen unaufmerksamen Moment hatte ich dann ihre Zähne in meinem Arm stecken.
Klar, manche kleine Kinder machen sowas aber das erstaunliche war auch eigentlich die Reaktion der Eltern.

Während die Mutter neben dem Spielen auf dem Handy damit beschäftigt war ab und zu im Sitzen nach ihrem anderen Kind zu schlagen, dass mit einem Kronkorken unterm Schuh mit schrillem Kratzen über die Fliesen rutschte, reagierte der Vater fast garnicht auf die bisswütige Tochter. Er war einfach nur sichtlich erleichtert über die wenigen Minuten Ruhe, als die Mama dann mit den beiden zum Hände waschen ging. Zumindest bei den Beiden scheint die Kindererziehung und halt auch entsprechende Maßnahmen nicht zum Alltäglichen dazuzugehören.

Häuser in der Nachbarschaft

Wohnkomplex Innenhof
Wohnkomplex Innenhof

Ich will jetzt nicht behaupten, dass meine grau gelbliche Beton Behausung mit Wellblechdach besonders schön ist aber über den teilweisen Komfort Unterschied der Häuser in direkter Nachbarschaft war ich schon überrascht.

Plastik Planen Behausung

Hütte aus Plastikplanen
Hütte aus Plastikplanen

Direkt zwischen zwei Betonhäusern wohnt eine Familie in einer Hütte, die hauptsächlich aus Plastikplanen und ein paar Holzstangen besteht und deren Küche sich halb auf der Straße befindet. Das viele Holz davor ist der Vorrat an Feuerholz fürs Kochen.

Mit dem Sohn habe ich mich schon öfter abends gut über Gott und die Welt unterhalten aber besonders spannend fand ich, dass er als Schweißer am lokalen Staudamm mitgebaut hat. Von einer chinesischen Firma wird hier seit Jahrzehnten der größte Staudamm Westafrikas gebaut, der jetzt fast fertig ist. Er hat mir Videos von inneren gezeigt und gemeint, dass ohne die harte aber fairen Bauleitung der Chinesen die Ivorianer es wohl nie geschafft hätten einen Staudamm zu bauen.

Um die ganze Arbeit zu überwachen fliegen die teilweise mit drei kleinen Drohnen gleichzeitig im und am Staudamm herum und überprüfen die Arbeiter. Wer morgens zu spät kommt wird wieder nach Hause geschickt und bekommt für den Tag dann keinen Lohn. Wenn man aber gut arbeitet bekommt man sogar maximal drei Tage bezahlte Kranktage – ein wahnsinniger Luxus hier.

Mit dem Vater trinke ich ab und zu abends auf der Straße hochkonzentrierten übersüßen Grüntee. Sehr lecker und weckt gute Erinnerungen in mir an die Zeit im Niger aber wenn man vorhat schnell einzuschlafen ist einem davon abzuraten, auch wenn es nur die Menge eines Schnapsglases ist.

Holzhütten mit Wellblech Dach

Auf dem Titelbild siehst du einen Wohnkomplex von Holzhütten mit Wellblech Dächern der auch bei mir in der Straße ist. Ich mag es total gerne da im Vorbeilaufen reinzulinsen und den Anblick mit der Kokospalme in der Mitte und der vielen bunten Wäsche zu bewundern. Auch bemerkenswert, die Halterung für das Stromkabel rechts im Bild über den Dächern. Von den abgefahrenen Strommasten Ersatz Basteleien könnte man alleine schon eine Fotoreihe machen.